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B3 Fernweh & Motoren

Auf der Bundesstraße 3 von Hannover nach Kassel.

Von Jörn Thomas mit Fotos von Wolfgang Groeger-Meier.

Es war schon eine stattliche Anzahl Asahi-Biere nach Mitternacht in Shinjuku, Tokio. Wolfgang und ich hatten gerade den Japan-Trip unseres Lebens hinter uns. Eine intensive Woche zwischen Kaiserpalast, Autowerk, heißen Quellen, Oktoberfest mit Flensburger Pils und YMCA, Sashimi und 450 Meter-Aussichtsplattform, als er mit der Idee für die B3-Etappe hinterm Tresen hervorkam.

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Einen tiefen Zug an der Ausnahme-Zigarette später ist klar: Natürlich fahre ich mit. Elze, Banteln, Alfeld, Einbeck, Göttingen, intensiver als mitten in Japan kann man Heimat kaum fühlen. Warum ich Ihnen das hier erzähle? Weil es um das Band geht, das Band zur Heimat. Ein ganz schön zähes Teil, denn selbst wenn man es ordentlich dehnt oder mal ein bisschen schlapp werden lässt, es bleibt, vergeht nicht.

Bei mir hat das viel mit der B3 zu tun. Geboren 1967 in Elze, an der Kreuzung von Bundesstraße 1 und Bundesstraße 3 und sonst nicht allzu viel. Außer einem Bahnhof, einer weitgehend unbeschwerten Jugend und einer Menge Fernweh. Hier begann alles. Das Leben, die Neugier, die Liebe zur Fortbewegung, zu Motoren, zum Wegfahren und zum Wiederkommen.Alt-Elze.jpg

Als ich ein kleiner Steppke war, setzten mich meine Eltern nachmittags manchmal einfach mit einem Kissen auf die Fensterbank, dazu ein Zuckerbrot – und fertig war das Glück eines Dreijährigen. Ich beobachtete das Treiben auf der B3, alles was so in die Stadt und wieder heraus fuhr. Käfer, Strich-Achter, Opel und Ford in allen Variationen, natürlich diverse Trecker und vor allem: LKW. Die pflanzten mir das Fernweh ein. So zog es mich in meinen Träumen weniger ins Weltall oder nach Übersee, sondern ganz habhaft zum Nah- und Fernverkehr, der (auch) über die B3 lief. Allein schon die Standortschilder. Göttingen, Kassel, Würzburg oder Wuppertal. Toll, so weit weg, und doch erreichbar. Auch über die B3, irgendwie. Schon meine Mutter war als Schulkind in den späten Fünfzigern neidisch, wenn die Fahrer an der Hauptstraße anhielten, um sich ein paar ordentliche Wurststullen beim Metzger zu holen. Damals gab es fünf davon. Heute noch zwei, aber das ist eine andere Geschichte.

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Die B3 stand für Fernverkehr, klar, denn die nächste Autobahn war und ist ja auch über 20 Kilometer entfernt. Dafür saß meine Mutter mit zwei Jahren zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder am Rand der B3 die als Löwentorstraße durch Elze führte und buddelte vor der Haustür mit ihren Förmchen rum. Zu diesem Zeitpunkt ging das noch, die wenigen Autos Ende der 40er störten nicht weiter, die meisten fuhren Fahrrad oder Moped, der Strom der Mobilität kam erst noch, wurde breiter und schneller. In Elze war die B3 buchstäblich eine Verkehrsader. Abgase interessierten noch niemanden, man nahm sie als Parfüm des Wohlstands, wobei das Parfüm der an der Ampel anfahrenden LKW mir als Fahrrad-Steppke böse in die Alveolen fuhr. Aber die B3 brachte Leben in die Stadt, die Hauptstraße war buchstäblich die Hauptstraße.

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Als die Umgehungsstrecke kam und das Pulsieren nachließ, begann die Verödung. Die B3 fehlt irgendwie, doch ihre Wurzeln sind noch zu finden. Auf der historischen Strecke etwa, die sich mittlerweile ein wenig runzlig durch die Feldmark gen Süden schlägt.

 

Marienburg

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Hoch überm Leinetal und dem Calenberger Land thront das Schloss Marienburg. Das Neuschwanstein des Nordens hat gerade einen ganz großen Auftritt hinter sich: Ernst August Erbprinz von Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg feierte Hochzeit mit Ekaterina Malysheva. Durchaus standesgemäß, inklusive Märchenschloss-Ambiente.

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Hoch ragt die 1869 fertiggestellte Burg auf dem Marienberg über die Leineaue mit Blick auf Nordstemmen. Einst ein Geburtstagsgeschenk für Königin Marie, die nur aber nur ein Jahr darin wohnte, bevor bis zum zweiten Weltkrieg der Hausmeister übernahm. Erst vor zwölf Jahren geriet die Marienburg mit der Übernahme der Führung durch Ernst August Junior wieder in ruhigeres Fahrwasser, wird seitdem professionell bewirtschaftet.

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Kamen anfangs 30000 Besuchern pro Jahr, so sind es jetzt bis zu 200000. Diese stammen zur Hälfte aus der Umgebung, zu rund einem Drittel aus Deutschland insgesamt, 15 Prozent sind Ausländer, vor allem aus Großbritannien, Skandinavien und Japan sowie China. Besonders beliebt: Das eigene Standesamt sowie die Kapelle. Rund 100 Paare stecken sich hier pro Jahr die Ringe auf.

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Neben unterschiedlichen Führungen, wechselnden Ausstellungen und Open Air-Konzerten finden auch Filmdrehs hinter den pittoresken Mauern statt. Im modernsten Schloss der Welfen gibt es eine Menge zu entdecken.

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Etwa die Schlossküche mit ihren 365 verschiedenen Backformen – eine für jeden. Sie ahnen es, Königin Marie und ihre Tochter Mary waren Kuchenfans. Dargereicht wurden ihnen die süßen Stücke übrigens per Aufzug. Elektrisch natürlich. Damit sie nicht fröstelten installierte man eine Fußbodenheizung, gegen Langeweile half die umfangreiche Bibliothek. Faszination, die bis heute hält.

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So wandeln wir staunend durch einen Teil der 144 Räume, stapfen die beeindruckende Freitreppe im Turminneren hinauf, verweilen vor imposanten Gemälden, Büsten, aufwendigen Tapeten und Parkettböden, bestaunen das teils massive Silbermobiliar, inhalieren das Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts.

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Viel heller, freundlicher, fröhlicher als gedacht fühlt sich das an. Königin Marie und Familie waren so scheint es normaler, als man sich das so vorstellt.

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Nur die rund drei Kilogramm schwere Krone, die wollte niemand aufsetzen, sie dient bis heute nur Ausstellungszwecken.

Banteln. Wir treffen August Hager

Wir fahren auf der historischen B3-Piste nach Banteln. Der kleine Ort begrüßt uns mit einem ziemlich schnieken Neubaugebiet um danach zügig ins Traditionelle zu wechseln.

Bundesstrasse3.55806.jpgDorfmitte, dort treffen wir August Hager, dessen Geschäft direkt an der Straße liegt.

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August Hager, das ist Volvo, er handelt schon ewig mit den Schweden-Autos, irgendwann klinkte sein Sohn sich ein. Volvo und B3 hält jung, denkst Du dir im Gespräch mit dem wachen Mann, der seit seiner Geburt 1940 hier lebt und seiner ebenso freundlichen wie drahtigen Frau. So schlecht kann das Leben in einem vermeintlichen Kaff an der alten B3 nicht sein. Hier leben offensichtlich glückliche Menschen, heimatverbunden aber schwer auf zack.

Das merken wir, als Herr Hager auf der Suche nach meiner eigenen, buckligen Verwandtschaft, die teils aus Banteln stammt trotz eher dürftiger sachdienlicher Hinweise verschiedene Ortskundige durchtelefoniert. Soziales Netzwerk läuft hier auch ohne Facebook und LTE.

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„Früher“, erzählt er, „trug die B3 hier noch richtiges Kopfsteinpflaster, das kindskopfgroße. Wenn es nass war, wurde es rutschig. Da haben sich hier regelmäßig die Motorradfahrer abgelegt. Bei einer BMW hat es sogar einen Zylinder abgerissen, was eine ordentliche Schweinerei gab.“

BMW 2002, Bundesstrasse3, B3, www.bundesstrasse3.de, #bundesstrasse3, Banteln

Das mit dem Kopfsteinpflaster ist Geschichte, seit den Sechzigern sind sie Steine kleiner, flacher, verkehrsfreundlicher, die Markierungslinien verblasst. Trotzdem geben sie dem Ort noch etwas Traditionelles, der Spirit der alten B3 kommt stärker durch als bei anonymem Asphalt. Durchfahrtsverkehr gibt es keinen mehr, wer hierher kommt, hat hier auch etwas zu tun. Oder ist von hier. Das war vor dem Bau der Autobahn A7 noch anders, weiß August Hager. „Damals standen die Autos an der Bahnschranke vor Elze bis hierher. Mit der neuen Trasse samt Brücke über die Bahnlinie war das vorbei.“

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Neue Trasse. Gutes Stichwort, wir starten den BMW und biegen ein auf das moderne Asphaltband Richtung Süden.

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Einbeck. Der PS.Speicher.

Wo soll man anfangen? Beim eigenen Autobahnschild? Oder beim Stifter. Karl-Heinz Rehkopf. Ein Mann, der rückwärts auf dem Lenker sitzend Fahrradfahren kann (und dies anlässlich seines 80.Geburtstages auch vorführte), ein Mann, der in seinem Leben bis heute 2600 Fahrzeuge vom Fahrrad bis zum LKW gesammelt hat? Einer, der mit einem dunkelblauen Golf 6 zum Termin kommt, mit ruhiger Stimme spricht, in dessen Augen es funkelt.

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Er liebt Fahrzeuge. Er lebt Fahrzeuge. Damit jeder etwa davon hat, stiftete er seine Sammlung, seit 2014 ist ein kleiner Teil davon im PS.Speicher zu sehen, etwa 400 Exponate auf rund 6500 Quadratmetern Ausstellungsfläche über sechs Etagen.

Doch die Zahlen lassen nur ahnen, welchen Schatz sie da in Einbeck haben. Ein Schatz, den etwa 60 Menschen betreuen und der dennoch nur ein Sechstel der kompletten Sammlung abbildet.

Aber nennen sie es bloß nie Museum, Mitarbeiter müssen dafür Geld in die Kasse zahlen, droht Rehkopf im Spaß. (Auch wenn der Speicher schon den Titel „Museum des Jahres“ kassierte). Das Ganze soll lebendig sein, die meisten Fahrzeuge sind demnach auch Fahr- und keine Stehzeuge. Bis auf ein paar unrettbar respektive absichtlich patinierte könnte man mit ihnen sofort starten. Kraftstoff rein und los.

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Genauso lebendig fühlt sich ein Besuch in der Sammlung auch an. Als ob sie nur kurz Pause machten.

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Neben der Milchbar, auf der Campingwiese oder vor der Disco. 130 Jahre Mobilität. Das Wirtschaftswunder, die aufstrebenden 60er, am Schluss gar revolutionär, die bunten 70er, die schnellen 80er.

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Im PS.Speicher steht das Konzentrat dessen, was früher die B3 bevölkerte. Von der knatternden Zweitakt-Fuffziger, über das Alltagsmotorrad, das erste kleine Auto bis zur brennertauglichen Limousine.

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Du möchtest gleich einsteigen, mit dem großen Fahrstuhl ins Erdgeschoss sausen und losfahren. Raus aus Einbeck, rauf auf die B3. Richtung Göttingen, geradeaus runter über Kassel nach Frankfurt.

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Die Knie an den chromglänzenden Tank einer Kreidler Florett gepresst, oder boxerlustig auf der Stilikone BMW R 90 S, panomaraverglast in einem Messerschmitt-Kabinenroller oder gediegen im Adler oder Benz. Der PS-Speicher hat sie alle und noch viel mehr. Vom dreirädrigen Kleinstwagen Einsitzer bis zum vierachsigen Tausendfüßler-LKW. Und wenn die Lanz-Bulldog ihre über 10 Liter großen Einzylinder-Diesel starten vibriert der Boden. Mindestens bis Salzderhelden.

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„So können wir vielen Interessenten – Männern, Frauen und Kindern – zeigen, wie die Menschen die Mobilität auf unterschiedliche Weise lösten. Viele Besucher freuen sich an den Autos, die sie aus eigener Erfahrung oder zumindest aus Filmen von früher kennen.“

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Besonders am Herzen liegen dem unglaublich fitten 80jährigen die von ihm „Kuck-mal-Papa-Exponate“ getauften Modelle. Solche, nach denen man sich umdreht, unwillkürlich darauf zugeht um mit offenem Mund stehenzubleiben. Wenn wir das schaffen, haben wir es geschafft. Genau wie das eigene Autobahnschild. „So eins zu bekommen ist schwerer, als eine Audienz beim Papst“, lacht Rehkopf zum Abschied.

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Hannoversch Münden. Zur Erholung

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Hannoversch Münden, zwischen Fulda und Werra, enge Gassen, Fachwerk-Paradies, Lange Straße 5. Kleiner Flur, dunkle Holz-Eingangstür. Du kommst rein. Ein schmaler Raum, im Eck eine kleine Theke. Dunkles Holz, Fotos in Bilderrahmen an den Wänden. Alles top gepflegt. Wirst kurz taxiert. Bist fremd. Abwarten, hinsetzen. Eckbank. Nach einem Bier, einem Kurzen und einem ebensolchen Schnack gehörst Du dazu.

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„Zur Erholung“, ein Name, ebenso denkmalgeschützt wie das ganze Haus. Doch ein Ort, in dem die Zeit tatsächlich anders vergeht. Die Uhr tickt hier natürlich auch, aber langsamer. In Echtzeit sozusagen. Wo Du sonst wie in einer Kapsel bisweilen reichlich virtuell durchs Kontinuum schießt, oft genug aus Deiner Mitte gerätst, Dich asynchron zum Leben fühlst – in diesem Lokal kommst Du runter. Lokal, das trifft es. Eckbank und ein Pils statt Achtsamkeitsseminar.

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Das passt zur B3, die gern beim Entschleunigen hilft, obwohl auf ihr auch den ganzen Tag was los ist. Links und rechts, da wartet das Leben. Wartet darauf, dich wieder mit Raum und Zeit zu synchronisieren. Wir kochen noch selbst, erzählt die Wirtin in Hannoversch Münden stolz. Nach 29 Jahren ist nun bald Schluss. Sie und ihr Mann gehen in Rente. „Eigentlich wollten wir die 30 Jahre noch vollmachen, haben aber einen guten Nachfolger gefunden. Einen jungen, talentierten Koch. Einen der Kohlrouladen mit Liebe hinbekommt, den Geist des Lokals weiterträgt.“ Für sie heißt das: noch mal Restetrinken mit dem Stammgästen und fortan nur noch privat kochen. „Wobei Stammgäste sicherlich auch mal bei uns zu Hause vorbeikommen.“

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